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Kinder als Minderheit denken – ein Perspektivwechsel mit Folgen

7. Mai 2026

Kinder werden häufig als Zielgruppe beschrieben, sehr viel seltener als gesellschaftliche Minderheit. Genau hier setzt das Buch „Kinder – Minderheit ohne Schutz“ an. Für die eaf‑nrw ist dieser Perspektivwechsel besonders relevant, weil er eine Frage berührt, die unsere Arbeit zunehmend prägt: Wie organisieren wir Zeit, Teilhabe und Verantwortung unter den Bedingungen einer alternden Gesellschaft?

Das Buch bewegt sich über den Bildungsbereich hinaus und richtet den Blick auf gesellschaftliche Zusammenhänge. Aladin El‑Mafaalani, Sebastian Kurtenbach und Peter Strohmeier beschreiben Kinder als strukturell benachteiligte Minderheit. Damit verschiebt sich der Fokus deutlich in Richtung gesellschaftlicher Verantwortung.

Wenn Kinder als Minderheit ohne politischen Schutz leben, geraten klassische Bildungsinstitutionen an ihre Grenzen. Schulen und Kitas lassen sich dann nicht mehr isoliert als Lernorte verstehen. Sie müssen als Lebensorte gedacht werden, um wirksam zu bleiben. Die Autoren sprechen sich deshalb für eine umfassendere Neuordnung aus, in der Bildung, Betreuung, Beratung, Freizeit und soziale Unterstützung enger miteinander verbunden werden.

Diese Perspektive zielt auf grundlegende Veränderungen. Es geht um mehr als einzelne Programme oder zusätzliche Ressourcen. Im Zentrum steht eine neue Form der Verantwortungsteilung. Schule, Jugendhilfe, Sozialarbeit, Quartier und Kommune rücken näher zusammen und verstehen sich gemeinsam als Träger kindlicher Lebenswelten. Multiprofessionelle Zusammenarbeit bildet dabei die Voraussetzung dafür, dass tragfähige Orte für Kinder entstehen können.

Für die eaf‑nrw ist dieser Ansatz auch deshalb anschlussfähig, weil er einen Zusammenhang sichtbar macht, der in vielen Debatten bislang wenig Beachtung findet: die Frage nach Zeit. Dabei geht es um Zeit als strukturelle Kategorie, die Teilhabe ermöglicht oder verhindert. Zeit beeinflusst, ob Beziehungen wachsen können, ob Unterstützung greift und ob Beteiligung tatsächlich erreichbar wird.

Fehlende Abstimmung zwischen Institutionen, unklare Zuständigkeiten und fragmentierte Abläufe führen häufig zu zusätzlichem Zeitdruck. Dieser Druck wirkt sich unmittelbar auf Kinder, Eltern und Fachkräfte aus. Es entstehen Lücken in Betreuung, Förderung und gesellschaftlicher Teilhabe.

Das Buch macht deutlich, dass diese Lücken ihre Ursache in strukturellen Bedingungen haben. Genau hier setzt auch die Arbeit der eaf‑nrw an, indem Zeit, Teilhabe und soziale Infrastruktur gemeinsam gedacht und weiterentwickelt werden.

Die Perspektive, Kinder als Minderheit zu verstehen, wirkt dabei als klarer politischer Impuls. Sie lenkt den Blick auf eine zentrale Frage demokratischer Gesellschaften: Wessen Interessen finden Gehör und wessen bleiben im Hintergrund?

Die Antwort darauf reicht weit über einzelne Bildungsbiografien hinaus. Sie berührt die Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaft insgesamt.


Hinweis:
Der Beitrag basiert auf einer Rezension, die im Rahmen der Kampagne „Weil Zukunft mit Kindern beginnt“ auf der Website der Diakonie Rheinland‑Westfalen‑Lippe e.V. erschienen ist.

Den Originaltext finden Sie hier:
Kinder – Minderheit ohne Schutz | Diakonie RWL