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Demokratie beginnt am Küchentisch: Familie als Ort gelebter Demokratie

4. November 2026

Was hat Familienpolitik mit dem Zustand unserer Demokratie zu tun? Sehr viel, wie das Werkstattgespräch „Familie.Macht.Demokratie.“ im Landtag Nordrhein-Westfalen deutlich machte. Die eaf-nrw brachte gemeinsam mit der LAG Familie NRW Erfahrungen aus der gleichnamigen Kampagne und Stimmen von Familien in die Diskussion ein. Der Familienbericht NRW 2026 und der aktuelle Demokratiebericht NRW zeigen zugleich, warum es sich lohnt, Familienpolitik stärker als Demokratiepolitik zu verstehen.

Demokratie wird in Parlamenten gestaltet. Erlebt wird sie jedoch zuerst an ganz anderen Orten: dort, wo Menschen ihren Alltag miteinander organisieren, Interessen aushandeln, Konflikte lösen, Verantwortung übernehmen und erfahren, ob ihre Stimme gehört wird.

Sehr oft ist dieser Ort die Familie. Meist der heimische Küchentisch.

Unter dieser Perspektive stand am 3. November das Werkstattgespräch „Familie.Macht.Demokratie.“der Landtagsfraktionen von CDU und Bündnis 90/Die Grünen. Gemeinsam mit der Landesarbeitsgemeinschaft Familie NRW (LAG Familie NRW), der auch die eaf-nrw angehört, ging es um eine zentrale Frage: Wie stärken Familien unsere Demokratie und was brauchen Familien, damit sie diese Rolle wahrnehmen können? Bereits die Einladung zum Werkstattgespräch beschrieb Familien als ersten Ort, an dem Menschen Gemeinschaft, Verantwortung und Vertrauen erleben und Kinder lernen, unterschiedliche Meinungen auszutauschen, Konflikte zu lösen und Verantwortung zu übernehmen.

Mit Vertreter*innen aus Wissenschaft, Politik und Familienverbänden wurde diese Frage aus unterschiedlichen Perspektiven diskutiert. Prof. Dr. Christina Boll vom Deutschen Jugendinstitut brachte Erkenntnisse aus dem Familienbericht NRW 2026 ein. Auch Familienministerin Verena Schäffer nahm am Austausch teil.

Familienpolitik ist auch Demokratiepolitik

Der in diesem Jahr erschienene Familienbericht NRW 2026 liefert dafür eine wichtige Grundlage. Erstmals seit 2015 gibt es damit wieder eine umfassende wissenschaftliche Bestandsaufnahme der Lebenslagen von Familien in Nordrhein-Westfalen. Grundlage sind unter anderem Daten aus Befragungen von 2.300 Familien mit rund 4.400 minderjährigen Kindern.

Das Bild ist differenziert: Die meisten Familien bewerten ihre eigene Situation positiv. Gleichzeitig prägen wirtschaftliche Unsicherheit, Armutsrisiken, multiple Krisen und ungleiche Teilhabechancen den Alltag eines Teils der Familien. Vereinbarkeit bleibt eine zentrale Herausforderung. Eine verlässliche Kinderbetreuung ist dafür eine wesentliche Voraussetzung.

Der Bericht betrachtet dabei unter anderem Familienvielfalt, Erwerbs- und Sorgearbeit, Armut, Wohnen, Gesundheit und soziale Teilhabe. Damit rückt er Bereiche zusammen, die im Alltag ohnehin nicht getrennt voneinander existieren.

Das ist auch für das Demokratieverständnis entscheidend.

Denn die Möglichkeit, sich einzubringen, beginnt lange vor dem Besuch einer Wahlkabine. Wer Familie organisiert, Kinder begleitet, Angehörige pflegt, Erwerbsarbeit bewältigt und gleichzeitig mit finanziellen oder gesundheitlichen Belastungen umgehen muss, braucht Ressourcen, damit gesellschaftliche Beteiligung überhaupt möglich bleibt.

In unserer Auseinandersetzung mit dem Familienbericht haben wir deshalb bereits auf einen Faktor hingewiesen, der häufig unsichtbar bleibt: Zeit. Die aktive Familienphase ist von einer starken Gleichzeitigkeit geprägt. Erwerbsarbeit, Sorgearbeit, Bildung, Erziehung, finanzielle Verantwortung und Alltagsorganisation treffen aufeinander. Wo Betreuung, Arbeitswelt, Schule, Pflege und andere Systeme unterschiedliche Verfügbarkeiten verlangen, werden die zeitlichen Spielräume von Familien immer kleiner.

Und irgendwann fehlt nicht nur Zeit für Erholung. Es fehlt Zeit für Begegnung, Engagement und Beteiligung.

Wie Menschen ihren Alltag erleben, beeinflusst ihren Blick auf Demokratie

An dieser Stelle trifft der Familienbericht auf einen zweiten wichtigen Befund: den Demokratiebericht NRW 2026 der Landeszentrale für politische Bildung Nordrhein-Westfalen und der Universität Duisburg-Essen.

Der Bericht zeichnet ein durchaus beunruhigendes Bild. Rund 42 Prozent der Menschen in Nordrhein-Westfalen werden der Gruppe der „fragilen Demokraten“ zugerechnet, bei denen sich demokratische und undemokratische Einstellungen miteinander vermischen. Besonders bemerkenswert ist die Entwicklung bei jungen Menschen: Bei den 14- bis 18-Jährigen ist die Zufriedenheit mit der Funktionsweise der Demokratie gegenüber 2023 um 30 Prozentpunkte zurückgegangen.

Gleichzeitig zeigt der Demokratiebericht einen Zusammenhang, der für die Familienpolitik zentral ist:

Die Einschätzung der eigenen Lebenslage korrespondiert mit der Demokratiezufriedenheit.

Menschen, die ihre eigene Lebenslage positiv beurteilen, sind unabhängig vom Alter zufriedener mit der Demokratie. Wirtschaftliche Sicherheit, Zukunftsaussichten und die Erfahrung, im politischen System gehört zu werden, berühren damit unmittelbar die Stabilität demokratischer Einstellungen.

Damit erhält der Satz „Demokratie beginnt am Küchentisch“ eine zweite Bedeutung.

Am Küchentisch wird Demokratie gelernt. Dort wird diskutiert, gestritten, entschieden und Verantwortung geteilt.

Am Küchentisch kommen aber auch die Briefe mit Rechnungen an. Dort werden Betreuungszeiten mit Arbeitszeiten abgeglichen. Dort wird überlegt, wer sich um ein pflegebedürftiges Familienmitglied kümmern kann. Dort sprechen Kinder und Jugendliche darüber, was sie beschäftigt. Und dort stellt sich ganz praktisch die Frage, wie viel Kraft und Zuversicht nach all diesen Herausforderungen noch übrigbleiben.

Die Stimmen der Familien gehören in die politische Debatte

Genau deshalb war es uns wichtig, beim Werkstattgespräch die Perspektiven von Familien selbst einzubringen.

Im Rahmen unserer Kampagne „Familie.Macht.Demokratie.“ haben wir in diesem Jahr verschiedene Zugänge geschaffen, um mit Familien über Demokratie, Beteiligung und ihren Alltag ins Gespräch zu kommen. Gemeinsam mit der Landeszentrale für politische Bildung Nordrhein-Westfalen haben wir uns mit der Rolle von Familien für demokratische Erfahrungen beschäftigt. Beim NRW-Tag 2026 in Münster haben wir Familien schließlich ganz unmittelbar gefragt, was sie bewegt.

Die Antworten waren konkret.

Familien berichteten von den Kosten für Lebensmittel, Kleidung, Mobilität, Schulmaterialien und Freizeit. Von fehlenden Therapieplätzen und Unterstützungssystemen. Von der Herausforderung, Betreuung auch während Ferien und Randzeiten sicherzustellen.

Und Kinder machten deutlich, dass auch sie ihre Umgebung wahrnehmen und verändern wollen. Eine der Rückmeldungen lautete sinngemäß: Ich möchte etwas ändern, weiß aber nicht, wie ich Parteien und Politiker ansprechen kann.

Solche Stimmen sind mehr als Momentaufnahmen aus dem Familienalltag. Sie stellen die Frage, wie zugänglich unsere demokratischen Strukturen für Menschen tatsächlich sind.

Jugendliche stärker hören, Sorgearbeit stärker sehen

Dieser Blick prägte auch die Diskussion im Landtag.

Ein Schwerpunkt lag darauf, Kinder und Jugendliche stärker als politische Subjekte wahrzunehmen und ihren Themen mehr Gehör zu verschaffen. Gerade vor dem Hintergrund der Befunde des Demokratieberichts bekommt diese Aufgabe zusätzliche Dringlichkeit. Wenn die Demokratiezufriedenheit bei jungen Menschen deutlich zurückgeht, reichen Appelle an demokratische Werte allein nicht aus. Junge Menschen brauchen konkrete Erfahrungen von Beteiligung und Selbstwirksamkeit. Der Demokratiebericht selbst nennt Engagement und Beteiligung im Zusammenspiel von Zuhören, Erklären und Handeln als einen wichtigen Ansatzpunkt.

Gleichzeitig nahm das Werkstattgespräch Menschen mit Pflegeverantwortung stärker in den Blick. Denn Familie endet nicht mit dem Erwachsenwerden der Kinder. Familien tragen Verantwortung über Generationen hinweg. Der Familienbericht beschreibt Familienpolitik entsprechend als Aufgabe über unterschiedliche Lebensphasen hinweg, von Geburt und Aufwachsen bis zur Sorge für ältere Generationen.

Gerade bei pflegenden Angehörigen wird sichtbar, wie Sorgeverantwortung, Erwerbsarbeit, Zeit und gesellschaftliche Teilhabe ineinandergreifen.

Familie.Macht.Demokratie.

Aus dem Werkstattgespräch bleibt für uns daher vor allem eine Erkenntnis:

Die Zukunft unserer Demokratie entscheidet sich auch daran, unter welchen Bedingungen Familien ihren Alltag leben.

Ob Kinder erleben, dass ihre Meinung zählt.
Ob Jugendliche Räume finden, in denen sie tatsächlich etwas bewirken können.
Ob Eltern trotz eines verdichteten Alltags Anschluss an gesellschaftliche Debatten behalten.
Ob Menschen mit Pflegeverantwortung noch Zeit und Kraft für gesellschaftliche Teilhabe haben.
Und ob Familien erleben, dass Politik ihre Lebenswirklichkeit wahrnimmt und auf sie reagiert.

Der Familienbericht zeigt die Lebenslagen. Der Demokratiebericht zeigt, was geschieht, wenn Lebenslage, Zukunftserwartungen und demokratische Zufriedenheit auseinanderdriften. Unsere Erfahrungen aus „Familie.Macht.Demokratie.“ fügen eine weitere Perspektive hinzu: Familien selbst wollen etwas zu sagen haben.

Deshalb wollen wir als eaf-nrw weiter Räume schaffen, in denen ihre Stimmen hörbar werden.

Denn vielleicht beginnt die große Frage nach der Zukunft unserer Demokratie tatsächlich an einem ziemlich alltäglichen Ort:

am Küchentisch.

 

 

Quellen:
  • Ministerium für Kinder, Jugend, Familie, Gleichstellung, Flucht und Integration des Landes Nordrhein-Westfalen (Hrsg.): Familien im Blick. Lebenslagen verstehen. Zukunft gestalten. Familienbericht Nordrhein-Westfalen 2026. Düsseldorf 2026. Der Bericht wurde im Auftrag des Ministeriums vom Deutschen Jugendinstitut (DJI) erstellt und untersucht unter anderem Familienvielfalt, Vereinbarkeit, die ökonomische Situation von Familien, soziale Teilhabe sowie den Umgang mit multiplen Krisen.
  • Landeszentrale für politische Bildung Nordrhein-Westfalen / wissenschaftliches Team der Universität Duisburg-Essen: Demokratiebericht 2026. Der dritte Demokratiebericht Nordrhein-Westfalens untersucht den Zustand demokratischer Einstellungen und politischer Bildung im Land und nimmt unter anderem Demokratiezufriedenheit, Lebenslagen, gesellschaftlichen Zusammenhalt sowie Engagement und Beteiligung in den Blick.
© Marvin Schmidt / Diakonie RWL
(C) Marvin Schmidt / Diakonie RWL
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(C) Katja Groborsch / Beckdesign
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