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eaf-nrw-Seismograf 2026 #3

3. Juli 2026

Die Rückkehr der Eigenverantwortung

Eine leise Verschiebung im Verhältnis von Staat, Familie und Gesellschaft

In politischen Debatten der vergangenen Jahre standen häufig Krisen im Mittelpunkt: Pandemie, Inflation, Energiepreise, Fachkräftemangel, Krieg und wirtschaftliche Unsicherheiten. Entsprechend wurden Entlastung, Absicherung und staatliche Unterstützung zu zentralen politischen Kategorien.

Inzwischen scheint sich etwas zu verändern.

Aktuelle Reformen und politische Vorhaben weisen in unterschiedliche Richtungen, folgen jedoch oft einer ähnlichen Logik: Menschen sollen schneller vermittelt, Leistungen einfacher organisiert, Erwerbsarbeit früher aufgenommen und individuelle Möglichkeiten stärker genutzt werden. Zugleich werden Erwartungen an Mitwirkung, Eigeninitiative und Selbstorganisation deutlicher formuliert.

Die Rückkehr der Eigenverantwortung geschieht dabei nicht als großer politischer Kurswechsel. Eher wirkt sie wie eine langsame Verschiebung des gesellschaftlichen Grundtons.

Der eaf-nrw-Seismograf fragt deshalb:

Welche Folgen hat diese Entwicklung für Familien, Kinder und Jugendliche?


Blickwinkel 1: Eigenverantwortung als Vertrauensvorschuss

Zunächst lässt sich diese Entwicklung positiv lesen, denn Eigenverantwortung bedeutet auch, Menschen etwas zuzutrauen.

Wer Verantwortung übernehmen kann und soll, wird nicht ausschließlich als hilfebedürftig, sondern als handlungsfähig betrachtet. Bürokratische Hürden werden reduziert. Verfahren werden vereinfacht. Entscheidungen sollen näher an den Menschen stattfinden.

Diese Perspektive geht von der nachvollziehbaren Annahme aus, dass Menschen ihre Lebenssituation häufig besser kennen als Institutionen.

Familien sollen ihre Wege selbst finden können. Eltern sollen eigenständig gestalten. Unterstützung soll dort eingreifen, wo sie notwendig ist und nicht dort, wo sie Eigenständigkeit ersetzt.

Aus dieser Perspektive erscheint die Rückkehr der Eigenverantwortung als Ausdruck von Vertrauen.


Blickwinkel 2: Eigenverantwortung braucht Ressourcen

Gleichzeitig stellt sich eine andere Frage:

Wer kann überhaupt Verantwortung übernehmen?

Eigenverantwortung wird häufig wie eine persönliche Eigenschaft behandelt. Tatsächlich hängt sie jedoch von vorhandenen Ressourcen ab. Dazu gehören finanzielle Sicherheit, stabile soziale Netzwerke, Bildung, Gesundheit, Mobilität und vor allem Zeit.

Verantwortung zu übernehmen bedeutet, Entscheidungen zu treffen, Informationen zu beschaffen, Termine wahrzunehmen, Konflikte zu lösen und Prioritäten zu setzen.

All das benötigt Zeit. Aber wo Zeit fehlt, wird Eigenverantwortung schnell zur Überforderung.

Der entscheidende Unterschied besteht deshalb möglicherweise weniger zwischen verantwortungsbewussten und verantwortungslosen Menschen als zwischen Menschen mit ausreichenden und unzureichenden Ressourcen.


Blickwinkel 3: Die unsichtbare Voraussetzung heißt Zeit

In vorausgegangenen eaf-nrw-Seismografen stand häufig Zeitarmut im Mittelpunkt. Aus den Gesprächen der vergangenen Monate ergibt sich nun eine neue Beobachtung:

Zeitarmut könnte die entscheidende Grenze von Eigenverantwortung sein.

Viele Eltern erleben ihren Alltag bereits heute als eng getaktet. Zwischen Beruf, Kinderbetreuung, Pflege von Angehörigen, Schulorganisation und familiären Verpflichtungen bleibt wenig frei verfügbare Zeit. Gleichzeitig steigen die Anforderungen an Selbstorganisation kontinuierlich.

Beispiele hierfür sind vielfältig: Digitale Anträge, Informationsbeschaffung, Terminabsprachen, Koordination von Betreuung, Organisation von Förderangeboten und Begleitung schulischer Prozesse.

Formal betrachtet existieren viele Angebote. Praktisch stellt sich jedoch zunehmend die Frage:

Wer hat überhaupt die Zeit, sie zu nutzen?


Blickwinkel 4: Wenn Hilfe verfügbar, aber nicht erreichbar ist

Eine der auffälligsten Entwicklungen in vielen Bereichen sozialer Arbeit besteht darin, dass Unterstützungsangebote oftmals vorhanden sind, aber dennoch nicht genutzt werden.

Häufig wird dies als Informationsproblem beschrieben, fehlendes Interesse oder Problem mangelnder Zugänge. Vielleicht handelt es sich jedoch zunehmend um ein Zeitproblem.

Viele Familien berichten nicht davon, keine Hilfe zu finden, viel eher davon, keine Gelegenheit zu haben, diese Hilfe in ihren Alltag einzubauen. Aus dieser Perspektive entstehen neue Formen von Exklusion. Nicht fehlende Angebote führen zum Ausschluss vielmehr fehlende Zeitfenster.


Blickwinkel 5: Vom Zeitmangel zum Anschlussverlust

Hier verbindet sich die aktuelle Beobachtung mit einer weiteren Entwicklung.

Zeitmangel bedeutet neben empfundenem Stress auch die Veränderung gesellschaftlicher Teilhabe. Wer dauerhaft unter Zeitdruck steht, engagiert sich seltener, beteiligt sich weniger, besucht weniger Veranstaltungen, pflegt weniger soziale Beziehungen und nimmt politische Beteiligungsmöglichkeiten seltener wahr. Anschluss geht dabei selten plötzlich verloren. Er verringert sich schrittweise.

Zunächst wird ein Termin abgesagt. Dann ein Treffen verschoben. Später wird ein Ehrenamt aufgegeben. Irgendwann entsteht Distanz zu Räumen, die früher selbstverständlich waren.

Anschlussverlust ist deshalb möglicherweise eine der unterschätzten Folgen gesellschaftlicher Zeitknappheit.


Blickwinkel 6: Die neue soziale Frage

Lange Zeit wurde gesellschaftliche Ungleichheit vor allem als Frage des Geldes verstanden. Und diese Perspektive bleibt wichtig. Gleichzeitig entsteht möglicherweise aber eine zweite soziale Frage:

Wer verfügt über ausreichend Zeit, um die erwartete Eigenverantwortung tatsächlich wahrnehmen zu können?

Wenn gesellschaftliche Teilhabe, Bildungswege, Gesundheitsversorgung und Unterstützungssysteme zunehmend Eigeninitiative voraussetzen, dann wird Zeit zu einer zentralen Verteilungsfrage.

Denn nicht jede Familie startet mit denselben Zeitbudgets. Und nicht jede Familie verfügt über dieselben Möglichkeiten, auf zusätzliche Anforderungen zu reagieren.

Wer wenig Zeit besitzt, trägt häufig die höchsten Anpassungskosten.


Was der Seismograf wahrnimmt

Der eaf-nrw-Seismograf beobachtet an dieser Stelle keine Abkehr von Solidarität. Er beobachtet auch keine einfache Gegenüberstellung von Staat und Familie.

Wahrnehmbar wird vielmehr eine leise Verschiebung:

Verantwortung wird stärker bei Einzelnen verortet und nicht selten bei Familien. Gleichzeitig bleibt offen, ob die dafür notwendigen Ressourcen überall gleichermaßen vorhanden sind.

Vielleicht lautet die entscheidende Frage der kommenden Jahre deshalb: 

Wie viel Zeit, Stabilität und Unterstützung brauchen Menschen, damit Eigenverantwortung überhaupt möglich wird?

Marvin Schmidt – Geschäftsführer eaf-nrw