Zum Hauptinhalt springen

Wenn Kinder mitbestraft werden

10. Juni 2026

Warum Familien von Inhaftierten endlich sichtbar werden müssen

Ich war im Landtag Nordrhein-Westfalen zu Gast bei einer Veranstaltung der Grünen Fraktion unter dem Titel „Unsichtbar betroffen – Kinder von Inhaftierten im Blick“. Schon in der Eröffnung brachte Norika Creuzmann (Grüne Landtagsabgeordnete/ Sprecherin für Kinder und Jugendschutz) eine Aussage in den Raum, die sich wie ein roter Faden durch den gesamten Abend zog: „Kinder und Familien sind unsichtbare Opfer einer Straftat.“

Dieser Satz verschiebt die Perspektive. Er lenkt den Blick auf diejenigen, die nicht im Zentrum strafrechtlicher Aufmerksamkeit stehen und dennoch tief betroffen sind. Kinder und Familien geraten leicht aus dem Blick, obwohl sie die Folgen einer Inhaftierung oft über Jahre hinweg tragen.

„Familien werden mitbestraft“

Nordrhein-Westfalens Justizminister Benjamin Limbach griff diese Perspektive auf und formulierte sehr klar: „Familien von Täter*innen sind mitbestraft.“ Was auf den ersten Blick wie eine zugespitzte Beschreibung wirkt, trifft für viele Familien den Kern ihrer Lebensrealität. Die Inhaftierung eines Elternteils verändert den Alltag grundlegend, sie erzeugt Unsicherheit, Scham und häufig auch soziale Isolation.

Gleichzeitig wurde deutlich, wie sorgfältig hier abgewogen werden muss. Kinder haben ein Recht auf Umgang mit ihren Eltern, gleichzeitig steht ihr Schutz immer im Vordergrund. Kontakte können stabilisieren, Beziehungen erhalten und Entwicklung ermöglichen. In diesem Zusammenhang wurde betont, dass ein familiensensibler Vollzug dazu beitragen kann, Rückfallquoten zu senken und Resozialisierung zu stärken. Es ging dabei um Verantwortung und um langfristige Perspektiven – für die Inhaftierten ebenso wie für ihre Familien.

Kinder zwischen Belastung und Bedeutung

Die Beiträge von Prof. Dr. Christoph de Oliveira Käppler (TU Dortmund) und Martin Wulfert Leiter der JVA Werl machten deutlich, wie sehr Kinder im Spannungsfeld dieser Situation stehen. Beziehungen bleiben für ihre Entwicklung zentral, auch wenn sie unter den Bedingungen einer Inhaftierung stattfinden. Begegnungen mit dem inhaftierten Elternteil können herausfordernd sein, gleichzeitig helfen sie Kindern, ihre Situation zu verstehen und einzuordnen.

Besonders eindrücklich war der Hinweis auf die Bedeutung von Peer-Angeboten. „Peer-to-Peer-Angebote sind für Kinder und Jugendliche die wirkungsvollsten“, so Käppler. In diesen Begegnungen entsteht ein Raum, in dem Erfahrungen geteilt werden können, ohne erklärt werden zu müssen.

Martin Wulfert lenkte den Blick auf die gesellschaftliche Dimension. „Kinder sind ein immenser Resozialisierungsfaktor Inhaftierter“, sagte er und verwies gleichzeitig darauf, wie viele Kinder von der Inhaftierung eines Elternteils betroffen sind. Hinter dieser Zahl stehen Lebensverläufe, die häufig von Unsicherheit geprägt sind und in denen Unterstützung nicht selbstverständlich ist.

Unterstützung, die nicht an Mauern endet

Thomas Wendland (Diakonie für Bielefeld) machte deutlich, dass die Begleitung betroffener Familien häufig an systemischen Grenzen scheitert. Seine Forderung nach einer „Crossover“-Unterstützung beschreibt den Anspruch, Hilfen innerhalb und außerhalb des Vollzugs miteinander zu verbinden. Familien brauchen Kontinuität, gerade in einer Situation, die ohnehin von Brüchen geprägt ist.

In diesem Kontext wurde auch auf unterschiedliche gesellschaftliche Zuschreibungen aufmerksam gemacht. Während inhaftierten Müttern häufig ihre Erziehungsfähigkeit abgesprochen wird, steht diese Frage bei Vätern deutlich seltener im Raum. Für die betroffenen Familien entstehen daraus zusätzliche Belastungen, die sich auf Kinder unmittelbar auswirken.

Offene Fragen, die sichtbar machen, was fehlt

In den Diskussionen wurde spürbar, wie viele Fragen bislang unbeantwortet bleiben. Wie erleben Kinder die Inhaftierung eines Elternteils konkret? Welche Formen von Kontakt sind für sie hilfreich? Wo beginnt und wo endet die Verantwortung der Jugendhilfe? Und werden Kinder in besonderen Kontexten wie Abschiebehaft überhaupt systematisch mitgedacht?

Diese offenen Fragen zeigen, dass es sich nicht um ein Randthema handelt, sondern um eine strukturelle Leerstelle.

„Dieses Thema gehört aus der Nische“

Für mich hat die Veranstaltung eine neue Perspektive eröffnet. Kinder von Inhaftierten leben häufig unter Bedingungen hoher Verdichtung, in denen emotionale Belastungen, Zeitmangel und fehlende Unterstützung zusammenkommen.

Ich nehme für meine Arbeit sehr deutlich mit: Dieses Thema gehört aus der Nische. Es braucht mehr Aufmerksamkeit, mehr Wissen und vor allem mehr Anschlussmöglichkeiten für die betroffenen Kinder und ihre Familien.

Oder anders gesagt:
„Wenn wir über Teilhabe sprechen, dürfen wir die Kinder von Inhaftierten nicht länger übersehen. Ihre Lebenslagen machen sichtbar, wo unsere Systeme Lücken haben.“

Gerade aus der Perspektive der eaf-nrw wird hier ein zentraler Zusammenhang deutlich. Fragen von Zeit, Beziehung und Unterstützung entscheiden darüber, ob Kinder Anschluss finden oder verlieren.

„Kinder von Inhaftierten zeigen in besonderer Weise, wie eng Zeitarmut und Anschlussverlust miteinander verbunden sind. Wer ihre Situation ernst nimmt, versteht sehr schnell, dass es hier um grundlegende Fragen von sozialer Gerechtigkeit geht.“

Anschluss ermöglichen – auch dort, wo er fehlt

Die Veranstaltung hat deutlich gemacht, dass es nicht an Erkenntnissen fehlt, sondern an Sichtbarkeit und an konsequenter Umsetzung. Kinder von Inhaftierten brauchen Räume, in denen sie gesehen werden, Beziehungen, die verlässlich sind, und Strukturen, die sie nicht aus dem Blick verlieren.

Es geht um eine Frage, die weit über dieses Thema hinausweist: Wie gehen wir als Gesellschaft mit den Lebensrealitäten von Kindern um, die nicht im Fokus stehen?

Die Antwort darauf entscheidet, ob es gelingt, Anschluss zu ermöglichen – auch dort, wo er bislang fehlt.

Marvin Schmidt – Geschäftsführer eaf-nrw